Schlawiner

„Des Feiar lass i niar ausgeh!“ sagt er, während mir die Katze mit dem, von der einzigen und trächtigen Kuh im Stall, verschissenem Ohr um meine Beine streicht. „Mit der Milch is ja nix mehr.“ Deshalb haben sie auf Mutter-Kuh-Haltung umgestellt und seit einer Woche ist das Vieh auf der Alm. Nur die Trächtige bleibt da. Ende Juli kommts Kalb.

Lauferei

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Fast 90 ist er, kümmert sich um die Kuh, die Katze, die Hühner und zusammen mit dem Sohn um das Haus und den Hof. Eine Männer-WG sind sie. Unter der Woche kommt eine Frau ein paarmal und hilft ihnen und kocht, seit seine Frau vor einigen Jahren gestorben ist.

In der Schweiz ist er geboren – in Lachen, Kanton Schwyz. Damals – während dem Krieg ist seine Familie nach Österreich, Zell am See. Mit 19 ist er nochmal in die Schweiz. Neugierig war er. Dann hätte er ins Militär sollen. „Da hab ich denen gesagt, dass ich nach Österreich muss. Wegen einer Vaterschaftsklage. 3 mögliche seien sie gewesen und da muss er schon hin. Ob man das nicht um 1 Jahr verschieben könnte!?“ Er lacht: „Gstimmt hat des ned. Aber i hab mir was einfallen lassen müssen.“ Er ist nie wieder in die Schweiz.

Lauferei - Grundlsee Steirisches Salzkammergut

Lauferei – Grundlsee
Steirisches Salzkammergut

Mit 400 Schweizer Franken ist er zurück. In Wien, bei den Juden, hat er getauscht. Wieder grinst er über das ganze Gesicht. 4000 Schilling hat er gekriegt. Das war viel Geld!

„Ja – und dann hab i do eigheirad“ – leider, aber er sei ja eh nie da gewesen. Ein friedlicher, wunderschöner Platz, oberhalb des Sees gelegen, mit viel Wiesen und Obstbäumen ums Haus herum. Er erzählt gerne von Früher, mit einem Hauch Wehmut. Er schaut auf sein Land, wie es heute vor ihm liegt und blickt in die Zukunft, mit der Gewissheit, dass sich hier am See vieles verändern wird, weil die Bauern aufhören und ihr Land verkaufen. Dann wächst alles zu oder es wird gebaut. „Mähen müsst mer. Es steht scho so hoch…“

Lauferei

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Ein Schlawiner ist er! Denke ich mir und zusammen gehen wir vom Stall Richtung Haus. „I muss amoi schaugn, was des Feiar macht.“ Und ich geh weiter meinen Weg Richtung Gössl.

SEIN Feuer brennt noch immer und blitzt aus lebendigen Augen.

 

Über Erika

Mein Nachname ist Programm in meinem Leben. Immer in Bewegung, selten still, oft schweigend, mit offenen Augen das Leben und die Welt beobachten. Mit den Gedanken einen Schritt voraus und den Gefühlen einen Schritt hinterher. Immer öfter bewusst im Moment, häufig auf Reisen irgendwo zwischen Himmel und Erde, mit festen Boden unter den Füssen. Liebe die Berge und das Meer, brauche Bäume zum auftanken und das Meer zum loslassen. Was ich dabei erlebe, entdecke und beobachte - darüber schreibe ich.
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39 Antworten zu Schlawiner

  1. Struppi-2009 schreibt:

    Eine schöne Geschichte und die Männer WG ist eingebettet in einer wunderschönen Natur.

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  2. Arno von Rosen schreibt:

    Guten Morgen Erika, das hast du schön bunt erzählt 🙂

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  3. Wunderschön!! Alles. Bild und Text!

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  4. allesistgut schreibt:

    Oh, welch eine wunderschöne Geschichte. Vielen Dank, dass Du diese Begegnung mit uns teilst. Und hoffentlich wird dort am See dann doch nicht alles zugebaut!
    Liebe Grüße. 😀

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  5. sylviawaldfrau schreibt:

    Es ist schön die Geschichten und Schicksalen der Menschen zu hören. Ein Schlawiner war er bestimmt, das hast du gut erkannt und beschrieben. Dieses Wort habe ich schon lange nicht mehr gehört. Es erinnert mich an früher. Eine kleine sehr menschliche Geschichte hast du uns da geschenkt. Liebe Grüße Sylvia

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  6. Flohnmobil schreibt:

    Du musst eine gute Zuhörerin sein. Und eine gute (Nach-)Erzählerin dazu.
    Grüessli
    Bea

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  7. geniesserle schreibt:

    Hallo Erika,
    schön von Dir zu lesen 🙂 und deine Begegnung mit dem „Schlawiner“ gefällt mir sehr – er erinnert mich ein bissle an meinen Vater, der nun mit 86 viel ruhiger ist wie früher, doch ab und zu kommt ein trockener Spruch und es blitzt in seinen Augen und wir wissen, der Schalk ist immer noch da :)Ich wünsche Dir weiterhin so schöne Begegnungen und das Du ein Plätzchen für deine Hängematte findest oder schon gefunden hast.
    LG Britta

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  8. Wollwesen schreibt:

    Na, gar nicht so weit weg von dort ist der Attersee und aus der Gegend kommt meine Familie väterlicherseits…Meine Kindheit über war ich fast jeden Sommer dort. Sehr schöne Gegend ist das!
    Und der Dialekt klingt mir so vertraut…
    Liebe Grüße an Dich
    von
    Helga

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  9. kinder unlimited schreibt:

    Du hast die Stimmung so wunderbar eingefangen, Erika,,.,,,,,es war ein grosses Vergnügen, diesen Text zu lesen……dem Mann wäre ich auch gern begegnet und hätte ihm zugehört…

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  10. Random Randomsen schreibt:

    Sehr schön erzählte und illustrierte Geschichte. Viele spannende Lebensgeschichten verschwinden leider unerzählt. Genau so, wie die Umgebung, in der solche Geschichten entstanden sind, nach und nach ihr Gesicht verändert, bis nichts mehr an das erinnert, was einmal war.

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  11. 🔆Sigrid🔆 schreibt:

    Eine wunderschöne Kurzgeschichte – und wahr noch dazu. Ja, Schlawiner ist wohl der richtige Ausdruck. Schön, dass es noch solche gibt. LG Sigrid
    P.S. Die Fotos sind so schön, bzw. die Landschaft. ich möchte sofort dort hin!

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  12. meinesichtderwelt schreibt:

    Ein liebenswerter Schlawiner 😉 und so eng lieben Freiheit und Arbeit eben manchmakl beieinander? Ganz liebe Grüße zu dir Doris

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  13. meinesichtderwelt schreibt:

    liegen – manchmal – nicht so schnell schreiben sollte ich :-)))))

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  14. marliesgierls schreibt:

    Das macht mich wehmütig,. Erika! und das Wort Schlawiner wurde bei uns zu Hause oft gebraucht, mein Vater benutzte es viel, obwohl er ja aus einer ganz anderen Gegend kommt, nämlich Mecklenburg, aber er war auch viel in Österreich, vielleicht hatte er es daher.
    Lieben Gruß Marlies

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  15. Patrick H. schreibt:

    Off-Topic: Den Strohjungs möchte ich nicht in einer nebeligen Nacht begegnen 😬
    Ich glaube, ich sollte weniger Thriller konsumieren…

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  16. dieStreunerin.com schreibt:

    Das sind solche schönen Begegnungen, die man auf den Wegen antrifft. Schön. Kurz in ein Leben eintauchen. Schön beschrieben. 🙂
    Liebe Grüße zu dir.
    Conny

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  17. zeilentiger schreibt:

    Ist das eindrücklich! Schön zugehört und hingeschaut und nicht zuletzt natürlich erzählt. Danke.

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  18. Luckyfree schreibt:

    Schöne Geschichte 😊👍

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