über Jahre und Jahrzehnte, selbst über Generationen und Ahnenreihen hinweg wurde uns eingetrichtert: du musst stark sein, kämpfen, leiden, durchhalten, aushalten, ertragen und du schaffst das schon, das wird schon wieder…irgendwann.
Es ist in den Genen, in unserer Zellinformation, in unseren Glaubensmustern und in unserem Verhaltenscodex. Männer wie Frauen haben eine Mauer um sich herum aufgebaut, die schon seit Jahren, bedingt durch die Zeitqualität und der Zeit der Transformation pröckelt, Risse bekommt und früher oder später einbricht.
Eine Mauer, die uns schützen und behüten sollte, vor dem tiefen Seelen- und Herzschmerz. Nichts von alldem hat sie getan. Es hat uns voll erwischt, immer wieder. Doch gelebt haben wir ihn nicht, nur gesammelt, wie ein Messie oder ein Hamster, und eine dicke Schicht Heu und Illusionen darüber gelegt. Wenn ich nicht hinschaue, ist es nicht da. Siehst du mich? Ich seh dich nicht!
Die Illusion des Vergessens. Nichts ist vergessen, nichts verarbeitet, nichts verschwunden. Alles da und langsam vor sich hin broddelnd, bis es eines Tages hervorbricht.
Wie das Schmelz- und Regenwasser, das sich in einer unterirdischen Höhle ansammelt. Wenn genug Menge und Druck sich angesammelt hat, sucht und bahnt es sich einen Weg in die Freiheit. Um sich selbst wieder fliessen lassen zu können. Um sich selbst wieder fühlen und leben zu können. Aus der stehenden und sich sammelnden Wassermenge wird ein Fluss, der an irgendeiner Stelle zum Wasserfall wird und endlich seine Freiheit fühlen darf. Alles bricht auseinander, tosend und gewaltig, fällt ab und schlägt auf, fliesst weiter in einem Fluss oder einem Bach, bis es irgendwo in dem grossen Ozean der Welt in die Unendlichkeit fliesst und Teil eines Ganzen wird.
Irgendwo bricht immer eine Mauer ein, ganz versteckt. Beginnt der Schmerz zu fliessen, bricht Gewohnheiten und zerstört Systeme. Versteckt und unbemerkt kämpfen viele mit ihrem Mauerwerk und ihrem Wasserfall.
Die Medizin sagt Depression. Das Herz sagt: endlich. Die Seele sagt: dem Himmel sei dank und der Mensch sagt: was geschieht mit mir?
Alles darf sein! Der Mensch hat Angst vor seinen eigenen Tränen, vor seinem Schmerz, seiner Schwäche, seinen Ängsten und Unzulänglichkeiten. Der Mensch hat Angst davor in Augen zu blicken, in denen sich ein Wasserfall spiegelt und wendet sich ab.
Seiner wahren Stärke begegnen, bedingt durch das Flussbett seiner Schwächen zu gehen. Der Schmerz und die Tränen beleben dieses Flussbett und reinigen es. Nichts, wovor man sich fürchten müsste. Nichts, für das man sich schämen müsste.
Und doch fällt es uns so schwer. Früher oder später will das Wasser – das Leben – wieder ungehindert fliessen, in seiner jungfräulichen Reinheit, in seinem kindlichen Spiel dahintreiben und neue Ufer erreichen.
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